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Zukunftsfähige Fassadensysteme im geförderten Wohnbau / Stmk

Studie zur lebenszyklusorientierten Bewertung gebräuchlicher Fassadensysteme nach ökonomischen und ökologischen Gesichtspunkten

1. Ausgangslage
Im geförderten Wohnbau stellen nach wie vor die Herstellungskosten das entscheidende Kriterium für die Auswahl von Bausystemen dar, so auch bei der Wahl der Fassadenbekleidung. Die Fokussierung ausschließlich auf den Preis ist im Kontext einer nachhaltigen Entwicklung nicht mehr länger aufrecht zu erhalten. Auch im Regierungsübereinkommen ist eine verstärkte Zuwendung zum Bestbieterprinzip unter Berücksichtigung ökologischer Aspekte vorgesehen, sodass in Zukunft gefordert wird, auch Fassadensysteme ganzheitlich über den gesamten Lebenszyklus zu betrachten.

2. Zielsetzung
Ziel ist, aufbauend auf den Forschungsarbeiten zu "Fassadensysteme im Fokus der Lebenszyklusbetrachtung" und "Fassadensysteme im Fokus der Lebenszyklusbetrachtung - Ergänzung", Planern und Bauträgern sowie Förderungsstellen objektive, belastbare und leicht überblickbare Informationen über im geförderten Wohnbau gebräuchliche Fassadensysteme bereitzustellen und deren Stärken und Schwächen lebenszyklusorientiert und ganzheitlich zu analysieren.

3. Grundlagen
Mit der vorliegenden Studie soll ein praxistauglicher Bewertungsrahmen zur Auswahl geeigneter Fassadensysteme unter den von Projekt zu Projekt verschiedenen Randbedingungen erstellt werden, der die aktuellen Anforderungen nachhaltigen Bauens beinhaltet. Dazu zählen neben der Betrachtung über den gesamten Lebenszyklus u.a. Kosten, Umweltwirkungen, Kreislauffähigkeit sowie Wartung und Instandhaltung.

Im Rahmen der Studie wurde ein Bewertungsmodell entwickelt, das es Auftraggebern und Planern ermöglicht, das für das jeweilige Projekt optimale System auszuwählen. Die praxisorientierte Bewertungsmatrix stellt wesentlichen Eigenschaften der einzelnen Fassadensysteme gegenüber.

Bezogen auf den Gesamtbarwert ergibt sich folgendes Bild, das die Ergebnisse vorangegangener Studien bestätigt:
Ein höherer Aufwand in der Nutzungsphase für Inspektion, Wartung, Reinigung oder Instandsetzung, v.a.aber ein vorzeitiger Austausch zufolge Alterung schlägt voll auf die Lebenszykluskosten durch. Dies gilt auch für den Barwert der Investitionen in die Fassade trotz Abzinsung, im gegenständlichen Fall unter Annahme einer Kapitalverzinsung von 2% p.a.

4. Fazit
Die untersuchten Fassadensysteme sind durchwegs als technisch ausgereift anzusehen, die bei konsequenter Einhaltung der einschlägigen Regelwerke in Planung, Ausführung und Wartung/Instandhaltung die in sie gestellten Erwartungen erfüllen und technische Lebensdauern von 50 Jahren und darüber erreichen können. Erfahrungsgemäß ist dies in der Praxis oft nicht der Fall. Je nach Robustheit der Systeme zeigen die betrachteten Systeme unterschiedliche Abweichungen von der erwarteten Lebensdauer, was zu höchst unterschiedlichen Erfahrungen und Einschätzungen unter Baupraktikern führt.

- Die monolithische Außenwand (HLZ MW-gefüllt mit Leichtputz) vereint hohe Wirtschaftlichkeit mit Reparaturfähigkeit, erfordert jedoch sorgfältige Ausführung der dünnen Klebemörtelschichten. Erhöhte Recyclingkosten durch Trennung Ziegelscherben-Mineralwolle.

- WDVS mit EPS oder MW als Dämmstoff sind sehr empfindlich gegenüber Planungsfehlern und Ausführungsmängeln und bedürfen laufender Wartung und gegebenenfalls auch Instandsetzung. Daher schlägt sich eine verkürzte Lebensdauer ebenso wie ein Reinigungs- und Wartungsaufwand in entsprechend höheren Lebenszykluskosten nieder.

- Hinterlüftete Holzfassaden sind vergleichsweise robust und stellen nur geringe Anforderungen an Wartung und Instandsetzung. Reinigung ist meist nicht erforderlich. Lebensdauerdauer und mittel- bis langfristiges Erscheinungsbild werden durch Planung und konstruktive Ausführung erheblich beeinflußt. Etwas höheren Herstellungskosten stehen vergleichsweise geringe Folgekosten gegenüber.

- Hinterlüftete Fassaden mit Faserzement, Aluverbund- oder HPL-Platten  stellen sehr robuste und flexible Systeme dar, die allerdings vergleichsweise hohe Herstellungskosten aufweisen und daher – insbesondere im geförderten – Wohnbau kaum zur Anwendung kommen. Lebensdauern >50 Jahre sind durchaus möglich, insbesondere bei Aluminium als Bekleidungselement. Die plattenförmigen Bekleidungselemente ermöglichen einen problemlosen Plattentausch bzw- örtliche Reparaturen.

5. Schlussfolgerungen und Ausblick:
Die Untersuchungen haben gezeigt, daß aus langfristiger ökonomischer Sicht ein dringender Handlungsbedarf besteht, wie Herstellungs- und Folgekosten in künftige Finanzierungsmodelle bzw. in die Wohnbauförderung integriert werden können, zumal alle einschlägigen Förderungsmodelle auf die Herstellungskosten abgestimmt sind.

Aufgrund der höchst unterschiedlichen Randbedingungen verschiedener Wohnbauprojekte lassen sich Folgekostenprognosen nur schwer präziser ermitteln. Im Sinne von „Nutzen statt Kaufen“ wäre zu prüfen, wie weit aus der TGA bekannte Contracting-Modelle nicht auf Fassaden erweitert werden könnten, zumal die Fassade den Energiebedarf eines Gebäudes neben dem Heizsystem erheblich mitbestimmt. Die künftig notwendige verstärkte Integration von Photovoltaik in die Fassaden könnte einen zusätzlichen Anreiz darstellen. Damit wäre auch das auch für Fassaden relevante Investor-Nutzer-Dilemma entschärft, da ein Anbieter ein klares Interesse haben muß, langfristig niedrige Kosten in Herstellung und Betrieb sicherzustellen.

In diesem Zusammenhang ist auch darauf hinzuweisen, daß Fassaden, insbesondere im Wohnbau, künftig neben den Funktionen Erscheinungsbild und (thermische) Gebäudehülle auch jene der Erzeugung erneuerbarer Energie erfüllen müssen. Neben der Kreislauffähigkeit wird auch die Integration von PV-Modulen in Neubau und Sanierung erheblich an Bedeutung gewinnen. Schließlich können Fassaden einen wesentlichen Beitrag zur Umsetzung von Green Deal, European Bauhaus, Kreislaufwirtschaftsstrategie und anderen Initiativen beitragen. Dies wird bei der Weiterentwicklung bestehender Fassadensysteme zu beachten sein.

5. Matrix
Die Bewertungsmatrix stellt eine kurze, zusammengefaßte Bewertung der Eigenschaften der untersuchten Fassadensysteme dar. Das Schema zur Grobbewertung soll dem Praktiker bei Auftraggebern und Planern einen raschen Überblick über Vor- und Nachteile der untersuchten Fassadensysteme in den jeweiligen Bereichen liefern.
Es liegt in der Verantwortung des Planers, ausgehend von den Vorgaben des Auftraggebers entsprechend den projektspezifischen Randbedingungen das jeweils optimale System auszuwählen. Die der LZK-Rechnung zugrunde gelegten Preise sind nicht zuletzt in Anbetracht der aktuellen Volatilität nur als grobe Richtwerte zu verstehen. Ähnliches gilt auch für die Kapitalverzinsung sowie die Baupreissteigerungen, die der aktuellen Entwicklung entsprechend festzulegen sind.

wissenschaftliche Partner
Univ.-Prof. DI Dr. Peter Maydl
Zivilingenieur für Bauwesen
Unternehmensberater für F&E
Graz

unter Mitwirkung von:
Nussmüller Architekten ZT GmbH, Graz

Förderer
Land Steiermark-Wohnbauforschung
Landesinnung Baugewerbe Steiermark
GBV Steiermark
ZT-Kammer Steiermark u. Kärnten, Sektion Architekten

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