Presseinformation Produktivität am Bau:
Neue Studie stellt die Produktivitätsdebatte auf den Prüfstand:
Linz/Innsbruck, Juli 2026. Laut aktuellen Zahlen liegt Österreichs Bauwirtschaft beim Thema Produktivität im DACH-Vergleich an letzter Stelle. Gemessen an der preisbereinigten Bruttowertschöpfung je Erwerbstätigen sank die Arbeitsproduktivität zwischen 2005 und 2023 im Durchschnitt um 3,1 Prozent pro Jahr. Eine alarmierende Zahl. Oder doch nicht? Eine neue Metastudie der Zukunftsagentur Bau (ZAB), erarbeitet gemeinsam mit der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, rät zur Vorsicht.
Denn das eigentliche Problem liegt tiefer: Die Branche diskutiert Produktivität seit Jahren, ohne eine gemeinsame Sprache dafür zu haben. Wer unterschiedliche Dinge misst, vergleicht Äpfel mit Birnen.
Ein Vergleich, der hinkt
Österreich Schlusslicht, Deutschland kaum besser, die Schweiz knapp am europäischen Mittel: So lautet der DACH-Befund der Studie. Doch wie aussagekräftig ist dieser Ländervergleich wirklich? Die Studie mahnt selbst zur Differenzierung. Die verwendeten volkswirtschaftlichen Kennzahlen basieren auf der Bruttowertschöpfung und reagieren damit auf Preisentwicklungen, nicht auf tatsächliche Effizienzveränderungen. Während der massiven Baukostensteigerungen 2021 und 2022 stiegen nominale Leistungskennzahlen, ohne dass sich auf den Baustellen irgendetwas verändert hatte. Produktivität misst Leistung, keine Preise.
Hinzu kommt: Verschiedene Länder arbeiten unter völlig verschiedenen regulatorischen und bautechnischen Rahmenbedingungen. Österreichische Betriebe halten in konjunkturellen Schwachphasen konsequenter an Personal fest als Vergleichländer. Das ist sozial verantwortlich und betriebswirtschaftlich sinnvoll, erzeugt aber rechnerische Produktivitätsrückgänge, die keine echte Leistungsminderung abbilden. Ob ein Betrieb in Skandinavien mit anderen Normen, anderen Lohnstrukturen und anderen Bauweisen wirklich produktiver arbeitet als ein österreichischer Mittelbetrieb: Diese Frage beantwortet die Kennzahl nicht.
Das eigentliche Problem: Niemand misst dasselbe
Das Ergebnis zieht sich durch die gesamte ausgewertete Literatur. Universitätsstudien und Branchenberichte, Untersuchungen aus Österreich, Deutschland und den USA kommen alle zum selben Befund: Die Bauwirtschaft steigert ihre Produktivität langsamer als andere Wirtschaftssektoren. Gleichzeitig sind diese Studien kaum miteinander vergleichbar, weil sie unterschiedliche Definitionen, Bezugsgrößen und Betrachtungsebenen verwenden.
Selbst das meistgenutzte Maß, die Arbeitsproduktivität, variiert in seiner Ausgestaltung erheblich: Je nachdem ob monetäre Größen, physische Leistungseinheiten oder abrechnungsbezogene Kennzahlen herangezogen werden, misst sie unterschiedliche Dinge. Diese Unterschiede werden selten offengelegt. Das Fazit der Studie ist klar: Einheitliche Definitionen sind keine akademische Formalität. Sie sind die Voraussetzung dafür, dass Analysen zu belastbaren Schlussfolgerungen führen und die Branche überhaupt weiß, wo sie steht.
„Die Studienlage ist eindeutig: Die Bauwirtschaft bleibt bei der Produktivitätsentwicklung im Sektorenvergleich zurück. Was bisher gefehlt hat, ist eine gemeinsame begriffliche Grundlage, um diesen Befund überhaupt belastbar zu diskutieren. Wer Produktivität unterschiedlich definiert, misst unterschiedliche Dinge und zieht folgerichtig unterschiedliche Schlüsse. Unsere Studie will diesen Ausgangspunkt schaffen: nicht als abschließende Antwort, sondern als Einladung zur fachlichen Auseinandersetzung“, so Univ.-Prof. Dr. Matthias Flora und Univ.Ass. Bmstr. DI Dr. Georg Fröch vom Institut für Baumanagement, Baubetrieb und Tunnelbau der Universität Innsbruck.
„Zu Produktivität am Bau wird viel geforscht, die Ergebnisse kommen aber selten dort an, wo sie gebraucht werden: in den Betrieben. Genau das wollen wir mit dieser Studie ändern. Die größten Herausforderungen für die Branche liegen auf der Hand: Fachkräftesicherung, Produktivitätssteigerung und der konsequente Umgang mit Digitalisierung. Massiv belastend wirkt dabei die zunehmende Überregulierung und Bürokratie. Hier braucht es dringend Entlastung, um die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe zu sichern. Wer nicht weiß, wo Produktivität verloren geht, kann auch nicht gezielt gegensteuern. Die Studie schafft dafür erstmals eine gemeinsame begriffliche Grundlage. Zuversichtlich stimmt mich, dass viele unserer Baubetriebe eine bemerkenswerte Innovations- und Veränderungsbereitschaft zeigen. Dieses Potenzial wollen wir nutzen“, so Harald Kopececk, Geschäftsführer der Zukunftsagentur Bau.
Leistung sichtbar machen: direkte und indirekte Produktivität
Als konzeptionellen Beitrag schlägt die Studie vor, zwischen direkter und indirekter Produktivität zu unterscheiden. Direkte Produktivität umfasst Tätigkeiten, die unmittelbar zum Leistungsfortschritt beitragen: Erdarbeiten, Betonage, Montage, konstruktive Planung. Indirekte Produktivität meint unterstützende Prozesse wie Koordination, Dokumentation, Qualitätssicherung oder Genehmigungsverfahren, die für den Projekterfolg notwendig sind, aber keinen messbaren Baufortschritt im engeren Sinn erzeugen.
Diese Unterscheidung ist kein Selbstzweck. Ein hoher Anteil indirekter Tätigkeiten kann auf organisatorische Notwendigkeiten hinweisen oder auf Ineffizienzen durch übermäßige Bürokratie und mangelhafte Planung. Wer beides nicht auseinanderhalten kann, weiß nicht, wo die Hebel ansetzen müssen.
Ohne Daten keine Verbesserung
Die Studie sieht in der Digitalisierung erhebliches Potenzial: BIM-basierte Prozesse, automatisierte Datenerfassung und digitale Auswertungen könnten künftig präzisere Einblicke in Leistungsprozesse ermöglichen. Voraussetzung sind einheitliche Kennzahlensysteme und klar definierte Begriffe. Beides fehlt bislang.
Der Appell der Studie richtet sich an alle Beteiligten: Unternehmen, Wissenschaft und Brancheninstitutionen müssen gemeinsam an einer einheitlichen Datenbasis arbeiten. Denn erst wer weiß, wo Produktivität verloren geht, kann gezielt gegensteuern. Und erst dann wird aus der Debatte eine Branche, die sich messbar verbessert.
„Die Studie benennt, was wir in der Praxis täglich spüren: Die Bauwirtschaft wird produktiver werden müssen, aber dafür brauchen wir zuerst Klarheit darüber, was Produktivität am Bau wirklich bedeutet und wo sie tatsächlich verloren geht. Steigende Normenflut, administrative Anforderungen, ineffiziente Schnittstellen: All das kostet auf der Baustelle Zeit und Geld. Solange wir das nicht sauber messen können, reden wir aneinander vorbei. Diese Studie ist ein wichtiger Schritt, damit aus der Diskussion endlich konkrete Maßnahmen werden“, so Bmstr. DI Anton Rieder, Bundesinnungsmeister-Stellvertreter der Bundesinnung Bau.
Die vollständige Metastudie ist abrufbar unter: Beitrag - META Studie zur Produktivität
Hinweis für die Redaktion
Die Metastudie wurde am Arbeitsbereich für Baumanagement, Baubetrieb und Tunnelbau (iBT) der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck erarbeitet. Verantwortlich zeichnen Arbeitsbereichskoordinator Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. techn. Matthias Flora und Ass.-Prof. Bmstr. Dipl.-Ing. Dr. techn. Georg Fröch, unterstützt von Matthias Teißl, BSc. Die Studie wurde von der Zukunftsagentur Bau (ZAB) initiiert und begleitet.